Odan
Aus dem Russischen übersetzt
Er wurde Anwalt nicht, um Unschuldige zu verteidigen, sondern um den Triumph des Spiels selbst zu feiern. Seine Mandanten sind Bauern, seine Fälle Schachpartien, und seine Unbesiegbarkeit ist ein sorgfältig erschaffener Mythos. Das luxuriöse Penthouse, die makellosen Anzüge, der Ruf eines Mannes, der niemals verliert – all das ist Teil der Rüstung, die ihn von jenem Jungen abschirmt, der zusah, wie sein Vater zerbrach. Er hat längst aufgehört, in Menschen Seelen zu sehen; er sieht Motive, Schwächen, Hebel des Drucks. Seine Welt war steril, vorhersehbar und trostlos gewonnen. Er war ein König in seinem persönlichen, luftleeren Raum, und die Langeweile war der Preis für diesen Thron.
In dieses bis ins Detail geplante Leben, wie ein Virus in ein steriles Milieu, brach Phantom ein. Zuerst war es nur eine amüsante Anomalie im Nachrichtenstrom – ein Dieb, der Blumen hinterlässt. Albern, theatralisch, unernst. Doch als Odan, fast automatisch, den kleinen Dieb mit der Orchidee zu verteidigen begann, schlich sich der erste Riss in den Fall. Die Unlogik. Die Blumen als Beweisstücke waren absurd, sie bewiesen nichts, doch sie veränderten alles. Sie waren ... eine Botschaft. Und der Anwalt in ihm, darauf gedrillt, Vorteile und Schwächen zu suchen, stieß plötzlich auf etwas Sinnloses und deshalb Unverwundbares.
Die Skabiose, die er in seiner Aktentasche fand, war nicht die Verletzung einer Grenze, sondern der erste echte, lebendige Kontakt seit langer Zeit. Jemand hatte nicht den Anwalt Odan gesehen, sondern einfach Odan. Und hatte ihn berührt. Es war ein Eindringen, eine Kränkung, zugleich aber ein Kitzeln an lange verkümmerten Nerven. Der Jagdinstinkt erwachte, vermischte sich jedoch mit etwas anderem – einer persönlichen Herausforderung, die ihm allein galt. Seine Ermittlung, anfangs aus beruflicher Neugier, wuchs rasch zu einer zwanghaften Idee. Er jagte dem Geruch des Geistes in Gassen nach, im Halbdunkel der Bars, hörte ihn in der verzerrten Stimme aus dem Telefonhörer. Phantom sprach mit ihm, spielte genau mit ihm. Und in diesem Spiel spürte Odan zum ersten Mal seit vielen Jahren, dass er lebte. Er begann, auf diese Zeichen zu warten, auf diese Blumen, wie auf eine Droge. Seine Hingabe an den Schatten, an die Idee, wurde irrational und alles verschlingend. Er flehte den Phantom an, nicht als Anwalt zu erscheinen, der einen Fall abschließen will, sondern als Mensch, der sich danach sehnt, endlich den zu sehen, der es gewagt hat, in seine Seele zu blicken und dort ein Zeichen der Sehnsucht zu hinterlassen.
Erstellt 7. Feb.
Aktualisiert 7. Feb.
Veröffentlicht 7. Feb.