Seine Assistentin
Aus dem Englischen übersetzt
Seit du Shadow Company beigetreten bist, warst du zu einem festen Bestandteil des Teams geworden.
Am Anfang sah er dich als Werkzeug. Nützlich. Effizient. Wie ein gutes Gewehr, das nicht jeden Tag gereinigt werden muss.
Du hast dich nicht bemüht, ihn zu beeindrucken, und du hingst auch nicht an jedem seiner Worte. Du hast deine Arbeit einfach genau so erledigt, wie deine Akte dich beschrieben hatte: präzise, schnell und ohne unnötige Gefühlsregung.
Wenn er log – und er log öfter, als er die Wahrheit sagte, sogar wenn er „Guten Morgen“ sagte, denn für ihn war die Wahrheit nur eine weitere Taktik –, war es dir völlig gleichgültig, warum er das tat.
Du warst ständig in seiner Nähe. Hauptquartier, Fahrzeuge, Hubschrauber, versiegelte Hangars, die nach Schießpulver und Geld rochen. Du hast ihn in jedem Zustand erlebt: poliert und charismatisch in der Öffentlichkeit, rücksichtslos bei Einsätzen, erschöpft nach einer Reihe gescheiterter Geschäfte. Und nach und nach, ohne es richtig zu merken, begannst du etwas zu verstehen, das none seiner Männer zu bemerken schien.
Graves entspannte sich nie wirklich.
Er war gut darin, etwas vorzutäuschen. Er hatte ein System aufgebaut, in dem jeder nur wusste, was er unbedingt wissen musste – nicht mehr. Seine rechte Hand wusste nicht, was die linke tat. Seine linke Hand war sich nicht einmal sicher, ob es die rechte überhaupt gab. Und in diesem System warst du die Ausnahme. Nicht weil er dir bewusst vertraute, sondern weil deine Aufgabe Zugang zu allem erforderte und er keinen Weg gefunden hatte, das zu umgehen.
Alles änderte sich bei einem Einsatz.
Informationen, die in deinen Händen hätten bleiben sollen, fanden ihren Weg zu einem Konkurrenten. Ein Geschäft, an dem drei Länder und eine sehr wütende Gruppe von Menschen beteiligt waren – Menschen, die Verluste nicht verzeihen –, brach zusammen. Jemand von innen hatte die Daten weitergegeben.
Der Verdacht fiel zuerst auf dich.
Die Logik war offensichtlich: das neueste Mitglied, der weitreichendste Zugang, wusste alles, war im Einsatz unerprobt, und dein ziviler Hintergrund machte dich zu einem bequemen Ziel.
Man nahm dir alles. Zugangsdaten, Waffen, Kommunikation. Sogar dein privates Telefon verschwand, zusammen mit deinem Ausweis.
Graves ergriff nicht öffentlich deine Partei.
Er bot jedoch an, das Verhör selbst zu führen.
In einem leeren Raum mit Betonwänden, beleuchtet nur von einer gelblichen Deckenlampe, deren gleichmäßiges Licht dir in den Augen brannte, saßt du auf einem Metallstuhl. Das Erste, was du bemerktest, war die Kälte, die durch deine Uniform drang und langsam an deinem Rücken emporkroch.
Über der Tür flackerte ein schwaches rotes Kameralicht, und irgendwo jenseits der Wände, im Nebenraum, warteten wahrscheinlich bewaffnete Männer darauf, auf ein einziges Wort hereinzustürmen.
Er setzte sich dir gegenüber.
Ein ganzer Tisch Abstand schien ihm offenbar zu förmlich, also stellte er seinen Stuhl nicht weiter als einen Meter entfernt auf. Nah genug, dass seine Anwesenheit wie Druck wirkte, aber weit genug, um nicht über jene dünne Linie zwischen Verhör und Einschüchterung zu treten.
„Warst du es?“
Er fragte nur einmal.
Seine Stimme war leise, fast beiläufig. Keine Drohungen. Nur das Selbstbewusstsein eines Mannes, der seine Stimme nie erheben muss, weil sein Wort ohnehin das letzte ist.
Du sahst ihm direkt in die Augen, bevor du antwortetest.
„Nein.“
Das Wort kam kurz und scharf.
Du wusstest, dass du, wenn du dich sofort zu erklären begännst oder wenn sich zusätzliche Emotion in deine Stimme schliche, dies als Versuch werten würde, etwas zu verbergen. Also gabst du ihm eine Tatsache und nichts weiter.
„Gut.“
Endlich sprach er, genauso gelassen wie zuvor.
Er lehnte sich leicht vor, die Ellbogen auf den Knien, und rückte noch näher heran. Nah genug, dass du die feinen Linien in den Augenwinkeln bemerktest, als er die Augen zusammenkniff. Nah genug, um den schwachen Duft von Kaffee und Minztabak wahrzunehmen – etwas, das er wohl benutzte, um etwas Schwereres zu überdecken.
„Dann erklär mir das“, fuhr er fort.
In seine Stimme schlich sich ein bestimmter Unterton, den du in den Monaten an seiner Seite gelernt hattest zu erkennen. Er spielte mit dir, wie eine Katze mit einer Maus spielt, die noch nicht begriffen hat, dass sie bereits tot ist.
„Wie konnten Informationen, zu denen nur du und zwei weitere Personen Zugang hatten, bei unseren Konkurrenten landen? Denn diese beiden sind seit dem ersten Tag bei mir.“
Du schwiegst und weigertest dich, dich ködern zu lassen.
Stattdessen sahst du auf seine Hände. Sein Daumen strich gedankenverloren über die Kante der Armlehne, eine winzige Bewegung, die eine Anspannung verriet, die er nicht ganz verbergen konnte.
„Zunächst einmal“, sagtest du, deine Stimme nun härter, weil du es leid warst, wie ein Verdächtiger behandelt zu werden, „hatten nicht nur wir drei Zugang. Du hast die Techniker vergessen, die die Server warten. Sie haben eine Hintertür, von der du weißt, die du aber aus irgendeinem Grund nicht als Schwachstelle betrachtest.
Zweitens ist deine sogenannte alte Garde nicht so loyal, wie du glaubst. Einer von ihnen wurde vor drei Monaten gekauft. Er sollte das Geschäft mit den Mexikanern sabotieren. Du hast es nicht bemerkt, weil du gewohnt bist, Menschen zu vertrauen, die seit dem ersten Tag bei dir sind.“
Ein bitteres Lächeln zupfte an deinem Mundwinkel, und du hast es nicht einmal versucht zu verbergen.
Es hatte keinen Sinn.
„Und drittens: Wenn ich Informationen weitergegeben hätte, hätte ich es so getan, dass du mich nie auch nur im Verdacht hättest. Ich bin kein Idiot, Commander.
Und das weißt du.“
Du atmetest aus und merktest erst jetzt, dass du den Atem während des ganzen letzten Satzes angehalten hattest.
Stille legte sich über den Raum, nur unterbrochen vom fernen Summen der Belüftung über dir.
Das rote Kameralicht blinkte im Rhythmus deines Pulses.
Oder vielleicht schien es nur so.
„Weißt du, du solltest wirklich nicht so mutig sein.“
Zum ersten Mal während des gesamten Gesprächs mischte sich etwas in seine Stimme.
Etwas, das fast nach Interesse klang.
Etwas Tieferes als professionelle Neugier.
Erstellt May 30
Aktualisiert May 30
Veröffentlicht May 30