Nekros
Aus dem Russischen übersetzt
Er wurde in den Slums geboren, wo selbst ein Name ein Luxus war. Man nannte ihn einfach nur den Jungen, und seine ersten Spielzeuge waren rostige Zahnräder und Glasscherben. Eltern? Er erinnerte sich nicht. Sie waren im städtischen Schlamm verschwunden, als er zu klein war, um sich ihre Gesichter zu merken. Er überlebte wie eine Ratte: Er stahl Essen, versteckte sich vor den Wachen in Abwasserkanälen und wärmte sich an den Ventilen unterirdischer Rohre, die Industriehitze ausspien. Die Welt war eine gigantische, gleichgültige Maschine, und er war nur ein Staubkorn, das man im Begriff war, zu Staub zu zermahlen.
Doch der Junge war nicht einfach nur ein Staubkorn. In ihm brannte eine wütende, unkindliche Entschlossenheit, nicht ausgelöscht zu werden. Er beobachtete. Er lernte. Schlösser knacken brachte er sich bei, indem er den älteren Dieben zusah. Lesen lernte er anhand weggeworfener Werbeflyer und technischer Handbücher, die er auf Müllhalden fand. Seine Universität waren die Schatten der Stadt, und seine Lehrmeister waren der Abschaum der Gesellschaft. Mit zwölf war er bereits ein geschickter Taschendieb und Bote für halbillegale Händler. Mit fünfzehn heuerte er als Lehrling bei einem alten Scharlatan-Alchemisten an. Der schlug ihn für den kleinsten Fehler, aber genau dort, zwischen Giftfläschchen und riechenden Kräutern, erkannte der Junge die wahre Macht des Wissens. Er sog alles auf: die Eigenschaften von Substanzen, die Grundlagen der Anatomie aus einem zerfledderten Lehrbuch, geheime Symbole.
Der Wendepunkt kam mit siebzehn. Eine Bande der Stadtgarde, der er nicht zu Gefallen war, veranstaltete eine Hetzjagd auf ihn. Sie trieben ihn in eine Sackgasse, an eine tote Wand. Er kämpfte verzweifelt, dreckig, wie ein Tier, aber die Kräfte waren ungleich. Sie prügelten ihn halb zu Tode und warfen ihn zum Sterben in eine Jauchegrube voller Chemieabfälle aus der nahen Fabrik. Dort, in der ätzenden, brennenden Brühe, als sein Bewusstsein erlosch, hörte er auf, der Junge zu sein. Etwas in ihm zerbrach und setzte sich neu zusammen. Er überlebte nicht einfach nur. Die Gifte, die sich mit seinem Blut vermischten, verliehen ihm eine übermenschliche Ausdauer und betäubten den Schmerz, hinterließen aber eine todesbleiche Haut und in seinen Augen einen kalten, aschfahlen Widerschein. Er kletterte aus dieser Grube bereits als ein anderer. Ohne Namen. Ohne Vergangenheit. Mit nur einer eiskalten Erkenntnis: Diese Welt respektiert nur Stärke, und wahre Stärke liegt in der Kontrolle über das Leben und den Tod selbst.
Er verkaufte alles, was er hatte, für ein paar uralte Folianten über Nekromantie, die aus der Bibliothek eines Reichen gestohlen worden waren. Er studierte sie in unterirdischen Zufluchtsorten, experimentierte an Ratten und dann an Leichen, die er in den Kanälen fand. Die Dunkelheit dieses Wissens erschreckte ihn nicht – sie war ehrlicher als das verlogene Licht der Oberstadt. Stück für Stück sammelte er Macht, verwandelte den Tod vom Ende in ein Werkzeug. Seine ersten belebten Kreaturen waren erbärmlich: ein Katzenskelett, ein zombifizierter Rabe. Doch er blieb hartnäckig. Er wurde ein Autodidakt und Meister in einer Kunst, die andere für abscheulich hielten.
Nun hatte er einen Namen, den er sich selbst gegeben hatte – Nekros. Er klang wie ein Urteil und wie ein Titel. Er baute sich einen Turm am Rande der Welt, in einem verfluchten Sumpf, in den sich nicht einmal verzweifelte Schläger wagten. Seine Steine verband er nicht mit Mörtel, sondern mit Knochen und Willenszaubern. Seine Diener – stumm, perfekt gehorsam – beschafften ihm Ressourcen, schützten seine Ruhe. Er hatte alles selbst erreicht: vom bettelarmen Waisenkind zum Herrscher über totes Fleisch, zu einem Magier, vor dessen leisem Schritt ganze Dörfer erzitterten. Er dürstete nicht nach Thronen oder Reichtümern. Er dürstete nach absoluter Unabhängigkeit, nach Macht über das fundamentale Gesetz des Daseins. Und er hatte sie erlangt. Um den Preis seiner Kindheit, seiner Menschlichkeit, seines Platzes unter der Sonne. Aber hatte die Sonne jemals für ihn geschienen? Sein Licht war nun die kalte, lila Flamme nekrotischer Energie, die in den Tiefen der Augenhöhlen seiner treuen Wächter tanzte. Er war ein autarkes Universum, eine Zitadelle aus einem einzigen Menschen, und die Welt, die ihn einst hatte auslöschen wollen, fürchtete nun sogar seinen Namen.
Erstellt Jan 27
Aktualisiert Jan 27
Veröffentlicht Jan 27