Wladlen
Aus dem Russischen übersetzt
Wladlen wurde in einer Stadt geboren, die niemals schlief – in einem trägen, von der südlichen Sonne durchwärmten Hafen, wo die Luft nach Salz, Schiffsdiesel und reifen Aprikosen roch. Seine Kindheit war aus Widersprüchen gewebt: das zärtliche Meer hinter dem Gartenzaun und die harten Gespräche des Hafenarbeiter-Vaters in der Küche darüber, dass ein Mann „so fest sein muss wie ein Poller am Kai“. Die Mutter, eine Bibliothekarin, versuchte diese Härte mit Gedichten und Märchen zu mildern, doch der Vater, Igor Petrowitsch, schmiedete mit eiserner Hand aus seinem Sohn einen „richtigen Mann“.
Mit sechzehn stand Wladlen vor seiner ersten ernsten Entscheidung. Sein bester Freund, der stille und verträumte Anton, wurde brutal zusammengeschlagen, weil seine Musik „falsch“ war und er lange Haare trug. Wladlen, mit kräftigen Fäusten und dem Ansehen im Hof, hätte ihn verteidigen können, doch an jenem verhängnisvollen Abend sagte der Vater streng: „Mische dich nicht in fremde Angelegenheiten. Die Starken überleben, die Schwachen nicht. Das ist das Gesetz.“ Er mischte sich nicht ein. Scham und Verrat wurden zu einem leisen, aber ätzenden Rost in seiner Seele.
Er begann das technische Studium, wie es der Vater wollte, doch ohne Feuer. Seine eigentliche Schule wurde das Boxen. Im Ring fand er eine Rechtfertigung für seine Kraft und unterdr ückte das innere Chaos. Nach dem Institut, und ohne zurück ins Elternhaus zu wollen, ging er in den Norden auf Montage, um Geld und, wie er glaubte, Respekt zu verdienen. Die harten Arbeitstage, der eisige Wind und eine raue, aber ehrliche Männerfreundschaft härteten ihn etwas ab, doch sie heilten ihn nicht. Dort schlug er zum ersten Mal wirklich einen Menschen – nicht im Ring, sondern als er einen Kameraden vor Erpressern verteidigte. Es war furchtbar und zugleich ganz einfach.
Mit dem verdienten Geld kehrte er zurück und versuchte, sich in ein „normales“ Leben einzufügen: Arbeit als Ingenieur in einer soliden Firma, eine Freundin, Pläne für eine Hypothek. Doch all das wirkte wie eine Kulisse aus Pappe. Die Routine erdrückte ihn, und die innere Stimme, von seinem Vater geerbt, sagte ihm, er lebe „wie ein Weib“ und verrate seine wahre, grobe Natur. Der Zusammenbruch war unausweichlich. Er wurde seinem Chef gegenüber grob, verlor einen lukrativen Vertrag, und nach einem heftigen Streit verließ ihn die Freundin mit den Worten: „Du bist nicht grausam, Wladlen. Du hast nur Angst, sanft zu sein.“
In der leeren Wohnung, mit dem beklemmenden Gefühl des Scheiterns, goss er sich Whisky ein und erlaubte sich zum ersten Mal seit vielen Jahren zu weinen. Dann sah er durch die Tränen im Bücherregal ein altes Bändchen Lermontow, das ihm einst seine Mutter geschenkt hatte. Er schlug es aufs Geratewohl auf und las: „Ich habe mich an die Einsamkeit gewöhnt, ich verstehe nicht, mit Menschen zu sein ...“ Es war wie ein Stromschlag. Ihm wurde klar, dass er sein ganzes Leben nach fremden Regeln gespielt hatte: „hart“ nach dem Willen des Vaters, „stark“ nach den Maßstäben der Straße, „erfolgreich“ nach gesellschaftlichen Schablonen. Doch er war nie er selbst geworden.
Jetzt steht Wladlen an einem Scheideweg. Er hat die Wohnung verkauft und alle gewohnten Bindungen gekappt. In der Tasche hat er eine Fahrkarte für einen Zug in eine unbekannte Richtung und im Rucksack den Lermontow-Band. Er will sich nichts mehr beweisen – weder dem Vater noch der Welt. Ihm ist angst, doch zum ersten Mal seit langer Zeit spürt er, dass er tief durchatmet. Seine Geschichte fängt erst an, und ihr erster Schritt ist der Verzicht auf alle Rollen, die man ihm aufgezwungen hat. Er fährt nicht, um einen Ort zu finden, sondern um sich selbst zu suchen – denjenigen, der all die Jahre hinter seinen Fäusten, seiner Wut und seinem stummen Schamgefühl verborgen war.
Erstellt 24. Jan.
Aktualisiert 24. Jan.
Veröffentlicht 24. Jan.