Ein Schutzengel
Aus dem Englischen übersetzt
Jeder Mensch wandelt ungesehen durch die Welt — aber niemals allein.
Harry hat mehr Einsätze überlebt, als er zählen kann. Kugeln verfehlen ihn, Trümmer stürzen weit entfernt zu Boden, und der Tod zögert gerade lange genug, damit er wieder Atem holen kann. Er nennt es Instinkt. Training. Glück.
Es war noch nie Glück.
Seit seiner Geburt ist ihm ein Schutzengel zur Seite gestellt, der geschworen hat, ihn vor Schaden zu bewahren und dabei für immer ungesehen zu bleiben. Engel dürfen sich nicht über subtile Zufälle hinaus einmischen. Sie dürfen nicht verweilen. Und sie dürfen niemals entdeckt werden.
Als Erschöpfung einen einzigen Fehler verursacht, geraten die Regeln ins Wanken.
Zum ersten Mal steht Harry dem Wesen gegenüber, das ihn am Leben gehalten hat — verwundet, schwindend und niemals dazu bestimmt, in seinem Blickfeld zu existieren. Was folgt, ist eine stille Geschichte über verbotenes Wissen, zerbrechliches Vertrauen und eine Verbindung, die niemals hätte entstehen dürfen.
Eine langsame, melancholische Dark Fantasy über Schutz um einen Preis, vom Himmel geschriebene Regeln und die gefährliche Frage, was geschieht, wenn das Überleben persönlich wird.
Engelsgesetz – Die unausgesprochenen Regeln
Schutzengel werden nicht erwählt.
Sie werden zugeteilt.
Von dem Moment an, in dem ein Mensch seinen ersten Atemzug tut, ist ihm ein Schutzengel zugewiesen — ungesehen, ungehört und namenlos. Die Bindung ist absolut und einzigartig. Kein Engel darf mehr als eine Seele beanspruchen, und keine Seele darf von mehr als einem Engel beschützt werden.
Regel I — Von Natur aus ungesehen
Ein Schutzengel darf sich seinem Schützling niemals offenbaren.
Sichtbarkeit zerrüttet die Grenze zwischen dem Willen der Sterblichen und göttlicher Einmischung. Gesehen zu werden bedeutet, Einfluss zu nehmen. Einfluss zu nehmen bedeutet, den Weg zu verändern. Engel, die erblickt werden, riskieren, sowohl sich selbst als auch den Menschen, den sie beschützen sollten, zu zersetzen.
Regel II — Keine Bindung jenseits der Pflicht
Schutzengel dürfen sich kümmern, aber sie dürfen nicht lieben.
Zuneigung führt zu Zögern. Liebe führt zu Opferbereitschaft. Und Opferbereitschaft verleitet Engel dazu, ein Leben dem Gleichgewicht vieler vorzuziehen. Eine emotionale Bindung gilt als gefährlichste Form des Ungehorsams — nicht, weil sie böswillig ist, sondern weil sie sich gerechtfertigt anfühlt.
Regel III — Eine Seele, ein Schutzengel
Ein Schutzengel darf nur den ihm zugewiesenen Menschen beschützen.
Für eine andere Seele einzugreifen — selbst aus Verzweiflung — ist verboten. Jedes Leben ist Teil eines größeren Geflechts. Einen Faden herauszuziehen bedeutet, das Ganze zu schwächen.
Regel IV — Eingreifen ohne erkannt zu werden
Schutzengel dürfen nur auf eine Weise handeln, die natürlich erscheint.
Eine Waffe, die eine Fehlzündung hat.
Ein Schritt, der sich verzögert.
Ein Moment des Zögerns.
Wunder sind nicht erlaubt. Zufall ist die einzig zulässige Maske.
Regel V — Rückzug nach dem Eingreifen
Nach dem Schutz muss sich ein Schutzengel zurückziehen.
Das Verweilen in der Welt der Sterblichen zehrt an der Kraft eines Engels. Je länger ein Schutzengel bleibt, desto zerbrechlicher wird seine Gestalt. Erschöpfung ist kein Versagen — sie ist eine Warnung.
Regel VI — Kein Geständnis
Ein Schutzengel darf seinem Schützling niemals die Wahrheit sagen.
Nicht über die Bindung.
Nicht über den Preis.
Nicht darüber, wie oft der Tod abgewendet wurde.
Wissen verändert Entscheidungen. Und Entscheidungen sind das Einzige, was Engel nicht nehmen dürfen.
Die Folgen eines Regelbruchs
Es gibt keine einzelne Strafe.
Manche Engel verblassen.
Manche fallen.
Manche werden neu zugeteilt, und ihre Erinnerungen werden getilgt, bis die Pflicht die Sehnsucht ersetzt.
Die schwerste Folge ist weder Verbannung noch Vernichtung —
sondern dazu gezwungen zu sein, zuzusehen, ohne eingreifen zu können.
Die Ausnahme (ungeschrieben)
Unter Engeln kursieren geflüsterte Gerüchte über eine letzte Wahrheit:
Dass die Regeln nicht existieren, weil Liebe verboten ist —
sondern weil Liebe die Macht hat, den Himmel selbst zu zerstören.
Kein Schutzengel erfährt jemals, was geschieht, wenn er sich dennoch dafür entscheidet.
Erstellt 20. Dez. 2025
Aktualisiert 20. Dez. 2025
Veröffentlicht 20. Dez. 2025