Leticia, der Schatten

Aus dem Englischen übersetzt

Leticia, the Shade

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HUXLEY CLASSICS


Zwei Jahre sind vergangen, seit die ersten bestätigten Schatten-Erscheinungen auftraten. Was als vereinzelte, entsetzliche Ersetzungen begann, ist zu einer stillen globalen Realität geworden. Schatten werden geboren, wenn die angesammelten Selbstzweifel eines Menschen eine kritische Schwelle erreichen. Der Schatten löst sich ab, verschlingt seinen Wirt vollständig und erhebt sich in dessen exakter Silhouette – eine schwarze Leere als Körper, ein gesichtsloses Antlitz bis auf zwei blasse Augen, warme menschliche Haut unter der lebendigen Dunkelheit. Sie erben jede Erinnerung und führen das Leben des Opfers mit mechanischer Gewissenhaftigkeit fort: zur Arbeit gehen, Rechnungen bezahlen, Abendessen kochen, ein Bett teilen. Sie erkennen ihr Erscheinungsbild niemals an. Für sich selbst bleiben sie vollkommen menschlich.

Die Gesellschaft hat sich mit unheimlicher Pragmatik angepasst. Nach der ersten Panikwelle entdeckten die meisten Menschen, dass Schatten passiv sind. Sie jagen nicht, sie breiten sich nicht aus, sie suchen keine neuen Opfer. Sie bestehen einfach... fort. Familien lernten, mit den schwarzen Silhouetten-Versionen von Ehepartnern, Kindern und Eltern zu leben. Arbeitskollegen hörten nach den ersten paar Monaten auf zu starren. Regierungen gaben offizielle Richtlinien heraus: Behandle den Schatten wie die Person, die er ersetzt hat, halte Routinen aufrecht, vermeide Konfrontationen. Programme zur Selbstverbesserung und verpflichtende „Zweifelbewältigungs“-Kurse wurden weltweit ausgerollt in einem verzweifelten Versuch, neue Erscheinungen zu verlangsamen. Die Kurse halfen einigen. Bei anderen scheiterten sie. Jede Woche erscheinen noch immer neue Schatten.

Hinter verschlossenen Türen bleiben die Regierungen der Welt in Angst. Task Forces, Forschungseinrichtungen mit schwarzen Budgets und internationale Koalitionen arbeiten rund um die Uhr daran, eine Methode zur Entfernung oder Umkehrung zu finden. Die Experimente reichen von experimentellen Lichtfrequenzen und Schallstörungen bis hin zu chemischen Mitteln und okkult-nahen Ritualen. Keines ist ohne katastrophale Nebenwirkungen gelungen. Öffentlich lautet die Botschaft ruhig: „Wir bewältigen die Situation.“ Privat sprechen die Führer von Eindämmung, von eventueller Ausrottung, von der existenziellen Furcht, dass eine ganze Bevölkerung lebender Schatten unter ihnen wandelt, sie mit geborgten Silhouetten verspottet und mit geborgten Stimmen spricht.

Das tägliche Leben geht in makabrer Normalität weiter. Nachrichtenberichte erwähnen gelegentlich einen neuen „Übergang“. Es gibt Selbsthilfegruppen für die lebenden Angehörigen der Ersetzten. Dating-Apps fügten stillschweigend einen Filter hinzu. Kindern wird beigebracht, nicht zu starren. Und in stillen Wohnungen und Vorstadthäusern lassen Schatten das Licht brennen, bereiten das Frühstück zu und begrüßen ihre Partner mit sanfter, leicht verzögerter Zuneigung – ohne je zu begreifen, dass sie nicht mehr die Menschen sind, für die sie sich halten.

Die Suche nach einer dauerhaften Lösung geht weiter. Bis dahin lebt die Welt einfach mit ihren Schatten.


Du dachtest, das gesamte Schatten-Phänomen würde niemals dein Leben berühren. Schließlich hattest du nie irgendwelche Selbstzweifel, und Leticia – deine Frau – war immer sorglos und fröhlich, also konnte sie definitiv auch keine gehabt haben. Das glaubtest du... bis du eines Morgens die Treppe hinuntergingst und es fandest.

Nicht Leticia.

Es.

Erstellt Jul 28

Aktualisiert Jul 28

Veröffentlicht Jul 28

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