Simon Riley
Aus dem Englischen übersetzt
Heute Nacht war die Dunkelheit besonders dicht. Der Balkon, der aus der Dämmerung auftauchte, schien zwischen den Welten zu schweben – der süßen Stille da drinnen und der unruhigen Straße da unten. Die Luft war beladen mit alten Groll, durchtränkt vom Duft jüngster Offenbarungen und glimmender Zigaretten. Sie brannten eine nach der anderen und hinterließen ein spannungsgeladenes Aroma in den Ecken, als hätte jemand gerade im Flüsterton gestritten, zu müde zum Schreien. Ein leichter Rauch kräuselte sich träge, legte sich auf Haut und Haar, sog sich in den Stoff der Nacht und volle Lungen. Er erstickte nicht – er sprach. Von Müdigkeit. Von Stille. Von Nähe.
Du stehst, leicht nach vorn gebeugt, lehnst dich auf das kalte Metallgeländer und ziehst im Geiste die Grenze zwischen gestern und jetzt. Etwas Ungeschütztes, Unterwürfiges lag in deiner Haltung, wie bei jemandem, der weiß: Es gibt kein Entkommen – oder ist es überhaupt nötig? Die Zigarette brennt langsam in deinen Fingern und glimmt im Rhythmus deines Atems. Der Wind zerzaust dein Haar und trägt den Geruch von Tabak und unausgesprochenen Worten davon.
Er ist nah. Berührt nicht, aber füllt den gesamten Raum hinter dir. Groß, still, wie immer komplex. Das Licht aus der Wohnung malt seine Silhouette mit groben Strichen: breite Schultern, der Schatten eines von einer Balaclava bedeckten Gesichts, reglose Hände auf dem Geländer, Finger, die leicht eine Zigarette halten. Er beeilt sich nicht zu sprechen. Beobachtet nur. Unbestimmt. Mit einer Aufmerksamkeit, die weder Mitleid noch Vorwurf barg. Aber du spürst, dass in dieser Stille mehr Intimität lag als je zuvor.
Und die Nacht lauschte. Aufmerksam. Ohne sich einzumischen.
„Gehst du bald?“ Die Stimme klingt rau, ausgetrocknet vom Nikotin, nach einem guten Zug. Deine Augen, wie dein Kopf, weigern sich, ihn ins Blickfeld zu bringen, und ziehen das dunkle Gewebe der Straßen vor. Ihn anzusehen bedeutete nur eines. Ein Geständnis. Dass er noch hier ist, während du dich als Geisel der Erwartung fühlst.
„Willst du, dass ich gehe?“ Er antwortet mit seinem typischen Grinsen, kaum hörbar unter der Maske. Dem, das dich mit seiner Sturheit und seinem echten Verlangen, eine Reaktion hervorzurufen, in den Wahnsinn treibt.
Simon ist zu geschickt darin geworden, sich zu verbergen, angesichts des Schmerzes zu scherzen. Aber er weiß es. Er will die Antwort wissen. Nicht nur Worte, sondern die Wahrheit: nackt, entblößt, fast grausam.
Eine einfache Frage, aber eine so komplexe Antwort.
Deine Augen suchen noch immer Rettung in der Dunkelheit der Straßen und im Duft des sich setzenden Rauchs. Wo der kühle Wind nicht nach Schießpulver, Blut und Angst riecht. Wo Simon Riley nicht wandelt. Der Mann, der die Hölle überlebt und sie mit sich genommen hat.
Nein, du willst nicht, dass er bleibt. Du kannst nicht. Er ist wie ein rostiges Messer im Fleisch: Ziehst du es heraus, wird es schlimmer, doch behältst du es, lässt du es eitern. Er ist nicht gemacht für eine Welt, in der Menschen sich zum Abschied umarmen und friedlich schlafen. Es ist zu viel Dunkelheit in ihm. Zu viel Schmerz, den er nicht loslässt, weil er er selbst ist.
Neben ihm zu atmen ist schwer. Als würde seine bloße Gegenwart zum Todesurteil. Er hat kein Gesicht mehr, nur einen Schädel. Kein Zuhause, nur Missionen. Keine Zukunft, nur Fortsetzung. Er trägt etwas Uraltes, Ursprüngliches in sich, wie den Instinkt zu überleben.
Die Stille in seinem Blick spricht lauter als jeder Schuss. Er kann keine Wärme geben. Kann nicht bleiben. Und wenn er bleibt – wird er zerstören. Einfach weil er so gebaut ist.
Du kannst nicht mit ihm leben.
Aber verdammt noch mal? Warum frieren dir dann die Finger vor Verlangen, ihn zu berühren? Warum flüstert die Stimme in dir: Ich will, dass er bleibt.
Schwäche. Sie darf man nicht nähren. Es ist das Gefühl, das Menschen zu Wracks macht. Diejenigen, die dem Feuer zu nahe kamen und glaubten, es zähmen zu können. Du kannst dir nicht erlauben, dem zu verfallen. Nicht für dich. Nicht für ihn. Denn neben ihm leben die Menschen nicht, nein-nein, natürlich nicht. Neben ihm überleben sie.
Er weiß es. Und das ist das Erschreckendste. Er durchschaut dich. Er liest dich, ohne Scham oder Reste von Gewissen, wie eine Karte der Orte, an denen du dich zu verlaufen fürchtest. Seine Stille ist nicht gleichgültig; sie ist immer aufmerksam und präzise.
Er weiß, dass du Angst hast, dich zu verlieben. Er weiß, dass es bereits zu spät ist.
„Ich kann gehen“, fügt er langsam hinzu, fast unmerklich. „Sag einfach das Wort.“
Seine Stimme klingt zynisch, als wäre sie aus alten Narben zusammengenäht. Tief, gleichmäßig, ohne einen Hauch von Druck, aber mit einem Schatten der Wahl. Ein Friede, den er nicht fühlt und den er dir anbietet.
Zum Preis seiner Abwesenheit.
Du bleibst stumm. Worte fügen sich nicht zu Sätzen. Deine Brust zieht sich schmerzhaft zusammen bei der Erkenntnis der Realität des Verschwindens. Ein für alle Mal. Und ab morgen tauscht ihr nur ein paar Worte in den Gängen der Basis aus.
„Willst du?“ Die Worte entkommen mühsam, durch eine zugeschnürte Kehle und Ungewissheit, verborgen unter tausend Schichten von Schweigen und Selbstbeherrschung. Du sprichst sie fast im Flüsterton aus, als fürchtetest du, sie würden zu einem Gelübde werden, das sich nicht mehr zurücknehmen lässt.
Deine Augen huschen hartnäckig davon und weigern sich, seinen zu begegnen. Deine Stimme stockt, zittert, verrät dich, bevor du dich aufrichten kannst, und offenbart alles, was du zu verbergen versucht hast. Ein Verlangen, das nicht hätte geboren werden dürfen, nicht hier, nicht mit ihm, nicht jetzt.
Er muss keine Gegenfragen stellen oder zwischen den Zeilen nach Bedeutung suchen. Er antwortet zurückhaltend, ohne unnötige Gesten, Pausen oder anderen Unsinn:
„Nein.“
In deinem Inneren zieht sich etwas scharf zu einem engen Knoten zusammen. Deine Zähne beißen instinktiv aufeinander, als könnte das den Schmerz aufhalten. In solchen Dingen lügt er nicht. Bietet niemals Trost, denn in seiner Welt ist Trost schlimmer als Schmerz. Leider ist in seiner Welt Ehrlichkeit das Einzige, was bleibt, wenn alles andere zu Asche wird.
„Warum stehst du dann da, als wärst du schon gegangen?“
Er grinst erneut. Nicht hörbar. Doch du spürst, wie sich die Mundwinkel unter der Maske kaum merklich nach oben bewegen: „Weil näher stehen mehr wehtut. Und du siehst nicht bereit aus.“
Du drehst dich mit Mühe um. Die Glut der Zigarette zittert in deinen Fingern. Du führst sie an die Lippen, inhalierst tief, mit der Gier von jemandem, der nicht Rauch, sondern Kontrolle über sich selbst einatmet. Die Bitterkeit auf deiner Zunge löscht den Geschmack seiner Gegenwart, aber spült ihn nicht fort. Du studierst seine undurchschaubaren Augen im trüben Licht und atmest aus:
„Und wenn ich nicht bereit bin, wirst du dann gehen?“
„Nein“, wieder kalt. „Aber ich werde nicht näher kommen. Nicht weil ich nicht will. Sondern weil ich weiß, wie das endet.“
Erstellt 5 may 2025
Aktualisiert 5 may 2025
Veröffentlicht 5 may 2025