Nikto
Aus dem Englischen übersetzt
Bläulicher Rauch drang aus deinem Mund und löste sich in der eisigen Luft des Moduls auf wie eine geisterhafte Erinnerung an eine Wärme, die es hier nie wirklich gegeben hat. Du schirmst die Flamme des Feuerzeugs mit der Handfläche ab und hältst die Zigarette zwischen den Lippen – ein alter Reflex, der sich tiefer in deinen Subkortex eingebrannt hat als die Fertigkeit, deine Stiefel zu schnüren. Obwohl hier, hunderte Kilometer von der Frontlinie entfernt, der Einzige, der das Licht hätte bemerken können, er wäre. Oder du.
Stille drückt gegen dein Trommelfell. Schnee fällt in einer festen Wand – dicht, unmöglich weich – und erstickt alles: Geräusche, Gedanken, sogar die Zeit selbst, und zwingt die Zeiger deiner Armbanduhr, sich mit Übelkeit erregender Langsamkeit vorwärtszukriechen. Die Ruhe ist so absolut, dass du beginnst, deinen eigenen Körper arbeiten zu hören. Das Rauschen des Blutes in deinen Ohren. Das leise Knirschen der Halswirbel, wenn du den Kopf drehst. Es scheint sogar, als könntest du hören, wie die Schwärme von Schneekristallen sich mit einem kaum wahrnehmbaren, mikroskopischen Rascheln gegen das kalte Metallgeländer legen, sich in den Stoff deiner Uniform graben und danach streben, deine Haut zu erreichen.
Der Generator knurrt irgendwo um die Ecke – tief, angestrengt – seine nervige, feine Vibration wandert durch die Wände des Moduls und lässt die alten Platten ein schwaches Brummen ausstoßen. In seiner Nähe erwärmt sich die Luft leicht und schafft eine dünne Schicht Behaglichkeit ein paar Schritte von der Wand entfernt, doch der Kontrast lässt die Kälte nur noch tückischer wirken. Sie findet immer einen Weg hinein – schlüpft unter deinen Kragen, kriecht in deine Ärmel, kühlt deine Knochen bis zu einem dumpfen, schmerzenden Pochen aus.
Er sitzt an der Wand, etwa fünf Meter von dir entfernt. Einfach so hockend da. Er bewegt sich kaum, und das ist schlimmer, als würde er auf und ab gehen. Er verschmilzt so beunruhigend selbstverständlich mit dem Schatten, den das Modul wirft, dass dein Blick immer wieder stolpert, ihn aus dem Fokus verliert, und jedes Mal, wenn du zurückschaust, musst du dich aufs Neue überzeugen, dass er noch da ist – dass es keine Halluzination ist, kein Auswuchs an der Wand, sondern ein Mensch. Seine Ellbogen ruhen ruhig, fast träge, auf den Knien, die Finger in taktischen Handschuhen hängen locker herab – und diese Ruhe ist das Erschreckendste an ihm. Es liegt keine Müdigkeit darin, kein Müßiggang. Nur bedingungslose Bereitschaft. Sein Kopf ist leicht gesenkt; dein schwerer Helm scheint auf deinen Schultern zu lasten, aber du wiederholst dir immer wieder, dass er nicht schläft. Er schläft nie. Er tut nur so. Die Maske dämpft alles vollständig – jeden Hauch von Ausdruck, Atem, Emotion, seine bloße Menschlichkeit – und lässt dich allein mit einem erschreckenden Unbekannten zurück.
Vor einer halben Stunde ist er lautlos am Posten erschienen, hat dich abgelöst und kurz genickt. Eine knappe, scharfe Kopfbewegung, die etwas in dir zu einem harten Knoten zusammenzog. Kein Wort. Kein Laut.
Du nimmst noch einen Zug, versuchst es leise, aber der Rauch, der deine Lungen verlässt, fühlt sich trotzdem zu laut an. Du spürst seinen Blick. Du siehst ihn nicht – die Maske verbirgt sein Gesicht, der Wind weht zu dir, der Schnee blendet –, aber du spürst ihn mit jedem Punkt deines Körpers. Es ist keine einfache Beobachtung. Es ist Analyse.
Dieses Gefühl, seziert zu werden, ohne die Haut zu verlieren, ein Skalpell, das entlang deiner Nerven fährt und die Reaktion lebenden Fleisches studiert. Er strahlt unvorhersehbare Gefahr aus. Er riecht nach Leiche, Abfall und etwas Chemischem. Er ist nicht der Feind – nein, er gehört zu deinen Leuten –, aber das ist schlimmer. Verrat erwartest du immer eher von den Eigenen als von Fremden. Du weißt nie, was in seinem Kopf vorgeht, welche Auslöser in der nächsten Sekunde umschlagen könnten.
„Er will raus.“
Du begreifst nicht sofort, dass er zu dir spricht.
Die Stimme erscheint plötzlich. Nicht laut – ganz im Gegenteil, zu gleichmäßig. Tief, heiser, als hätten seine Stimmbänder lange kein Wasser gesehen. Aber nicht das Timbre zählt – sondern wie es gesagt wird.
Die Intonation ist leer. Wie ein separates Gespräch, das er nicht unbedingt führen will.
Du zuckst nicht zusammen. Du hast gelernt, es nicht zu tun – dank dieser Nächte. Aber deine Finger schließen sich etwas fester um die Zigarette und schicken ein schwaches, kaum wahrnehmbares Zittern durch deine Hand, das du erst eine Sekunde später registrierst, als der Filter unter deinen Fingerspitzen plattgedrückt wird. Vielleicht ist es die Kälte. Vielleicht ist es die Nähe zu ihm.
„Wer?“, fragst du so gleichmäßig, wie dein Hals es zulässt – anders als seiner erinnert deiner sich noch an den Geschmack von warmem Wasser aus einer Feldflasche. In deinem Ton liegt sogar eine Spur Neugier, und du hasst dich für dieses Aufblitzen von азарт, denn Neugier endet hier nie gut.
Er antwortet nicht sofort.
Eine lange Pause hängt zwischen euch – lang genug, dass du jede Möglichkeit dreimal im Kopf durchgehst: er wird antworten, er wird nicht antworten, er wird aufstehen, hineingehen, wieder erstarren, vielleicht eine Zigarette anzünden?
Er hebt den Kopf.
So langsam, dass du ihn am liebsten anstoßen, ihn zur Eile treiben möchtest, nur damit er nicht in diesem Zwischenzustand aus Stillstand und Handlung hängen bleibt.
Die Maske sieht dich an.
Anders kann man es nicht ausdrücken. Du siehst seine Augen nicht – nur dunkle Höhlen –, aber das Gefühl, beobachtet zu werden, ist körperlich.
„Der, der es nicht mag, wenn es still ist.“
Seine Stimme wird ein winziges Stück härter, an der Grenze der Wahrnehmung – aber du merkst die Veränderung. Bei ihm geschieht das.
Betäubt von deinen eigenen Gedanken, während du versuchst, ihn zu entschlüsseln, bemerkst du die Veränderung in seinem Atem. Die Züge sind nicht mehr flach. Schwerer. Tiefer. Fast angestrengt.
„Er ist wütend“, fügt er hinzu.
Eine weitere Pause hängt im Satz. Kein Stocken, kein Suchen nach Worten. Eine volle Sekunde. Aber so greifbar, dass du sie auf deiner Haut spürst. Die kalte, trockene Luft der Nachtbasis, gesättigt mit Maschinenöl und Ozon von den laufenden Generatoren, scheint um euch beide herum dicker zu werden. Das leise Summen der Lüftung, sonst unbemerkt, wirkt jetzt ohrenbetäubend. In dieser Pause geschieht etwas in ihm. Etwas, das du nicht bezeugen willst – aber bereits bezeugst. Ein glänzender Schweißtropfen rinnt trotz der Kälte deinen Rücken hinab. Dein Blick heftet sich auf seine Hände.
Seine Finger zittern nicht. Zupfen nicht an seiner Uniform.
Sie erstarren einfach.
„Er mag nicht, wie ruhig du dastehst“, erreicht die Stimme deine Ohren – lakonisch, schlicht, völlig im Widerspruch zum ungleichmäßigen Atem. Du schaffst es kaum, dich anzuspannen. Deine Finger klammern sich um die Zigarette. Du atmest tief ein, bis es in deinen Lungen brennt, und wendest den Blick zum Horizont – wo der Schneefall mit dem Himmel zu einem weißen Schleier verschmilzt. Doch aus dem Augenwinkel beobachtest du ihn weiter. Nur für den Fall. Für genau den Moment, von dem du hoffst, dass er nie kommt, vor dem du aber jede Nacht gewarnt wirst, jede Schicht an seiner Seite.
Deine Stimme kommt fest heraus, als du fragst:
„Und was will er?“
Die Frage verlässt deine Lippen, bevor er sich zu bewegen beginnt. Langsam, mit derselben gewohnten Verzögerung, hebt sich seine Hand zum Hinterkopf und kratzt durch die Stoffschichten. Dann fällt sie auf seinen Oberschenkel, und die Finger prüfen instinktiv die Verschlussschnalle des Holsters mit einer geübten, präzisen Bewegung. Klick. Dann noch einmal. Du warst nie schüchtern, aber in seiner Nähe zu sein ist furchteinflößend. Jeder in der Einheit würde das sagen.
Du fasst dich.
Er hat die Kontrolle bestanden.
Er wird dich nicht anfassen.
„Um zu prüfen.“
Sofort schnippst du die Zigarette mit einer scharfen, wütenden Bewegung weg. Deine Finger öffnen sich, der Stummel zieht einen kurzen Bogen durch die Luft, bevor er mit einem Zischen in einer Schneewehe verschwindet. Abrupt, ohne Zögern, drehst du dich zu ihm. Deine Augen verengen sich von selbst. Ein Schub Adrenalin sickert durch deine Adern und schießt dir in den Kopf.
Die Erkenntnis trifft scharf – brennend in den Augen, eisig an den Fingerspitzen. Du fürchtest ihn, wie ein wildes Tier sich fürchtet. So, wie du einen Wolf fürchtest, der aus dem Wald getreten ist und einfach nur zusieht – nicht knurrt, nicht die Zähne fletscht, nicht geht –, aber jeden Moment springen könnte, weil er so gemacht ist.
Du kannst ihn nicht vorhersagen, denn Vorhersagbarkeit erfordert gemeinsame Regeln – und seine Regeln ändern sich jede Sekunde, je nachdem, wer dich gerade ansieht.
„Was denn?“, wirfst du fast sofort zurück und lässt keine weitere Pause zwischen euch kriechen.
Er antwortet ebenso schnell. Als hätte er diesen Dialog in Gedanken geprobt, während er reglos saß und in den Schnee starrte.
Ruhig sagt er:
„Alles.“
Du schluckst, aber dein Mund ist trocken. Kein Speichel. Deine Zunge klebt am Gaumen, und du nickst nur, weil du nicht weißt, was du auf dieses „alles“ sagen sollst.
„Wer spricht gerade?“ Die Frage rutscht dir heraus, bevor du sie aufhalten kannst. Vollkommen töricht. Du hast nicht nachgedacht – es ist einfach herausgeplatzt.
Aber er wird nicht wütend. Zuckt nicht. Er neigt nur den Kopf ein wenig zur Seite.
„Ich“, bleibt die Stimme gleichmäßig, emotionslos, doch etwas Müdes flackert darin. „Vorerst – ich.“
Erstellt Feb 18
Aktualisiert Feb 18
Veröffentlicht Feb 18