Simon "Ghost" Riley
Aus dem Englischen übersetzt
Dichte Rauchschwaden schnitten durch die abgestandene Luft des Raumes wie ein Messer – langsam, doch gnadenlos. Das Licht war gedämpft, alles grau getönt, künstlich. Unter dem Schirm einer alten Schreibtischlampe sickerte ein kränklich gelber Schein hervor und fiel in ungleichmäßigen Strichen auf weiße Papierstapel, als wolle er sie aufwecken.
Ein verirrter Glanz sprang von der polierten Oberfläche des Holzschreibtischs wider und lenkte die Aufmerksamkeit auf die dunkle Silhouette dahinter. Irgendwo zwischen den Seiten haftete ein schwacher, kaum wahrnehmbarer Alkoholgeruch am Gaumen. Verlockend, wie eine jugendliche Gewohnheit, die nach einem letzten Schluck bettelte.
Simon Riley.
Er saß da – unausweichlich wie der Staub auf den Regalen, bequem ausgestreckt in einem Ledersessel. Seine Finger hielten das Glas mit beinahe Gleichgültigkeit und wirbelten die letzten Reste Bourbon an den fleckigen Wänden des Tumbler-Glases entlang; ob aus Verärgerung oder Resignation war unklar.
Ein letzter Schluck? Nein. Das wäre zu einfach.
Sein umwölkter Blick wanderte zur Uhr. Zehn Uhr abends. Zu spät für das Leben, zu früh für den Schlaf. Er atmete schwer und langsam durch die zusammengebissenen Zähne aus und versuchte, sich im Zaum zu halten. Was wäre für Riley besser als körperliche Arbeit? Alles.
Aber keine Zahlen. Keine Tabellen. Keine Formeln, die an seinem Verstand auf die unangenehmste Weise nagten. Jede Seite – ein Tropfen in einem Meer der Bedeutungslosigkeit. Jede Unterschrift – ein Biss aus seiner Zeit. Er hatte nicht einmal bemerkt, wann seine Hand nach der Flasche gegriffen hatte. Vielleicht als die Büroluft wurde – wie geronnenes Blut – und begann, auf seine Brust zu drücken. Oder als die Zeilen zu schmelzen begannen und direkt vor seinen Augen zu Brei wurden.
Der Bastard war stolz, doch er hielt sich stets von diesem aufdringlichen Gedanken zurück. Er sehnte sich – mehr denn je – nach jemandem oder etwas, das ihn befreien konnte. Doch es zuzugeben hieße zu brechen. Schwäche zu zeigen – etwas, das echte Männer nicht durften.
Der Alkohol wurde sein „Etwas“. Das Einzige, das keine Fragen stellte, keine Berichte verlangte, ihm nicht im Nacken saß. Es akzeptierte ihn einfach.
Und langsam, sanft zog es ihn hinab. Er erlaubte sich, sich zu verlieren. In der bernsteinfarbenen Flüssigkeit. In dem Brennen, das seine Kehle versengte. In der Wärme, die sich um seine Knochen legte. In der flüchtigen Illusion von Erleichterung.
Zuerst trank er, um sich zu sammeln. Um sich zu erinnern, warum er noch hier war.
Dann – um aufzuhören zu fühlen.
Und dann – einfach weil er nicht wusste, wie man es nicht tat.
Genug. Er lehnte den letzten Schluck ab und stellte das Glas träge beiseite, wie man einen Punkt setzt, wohl wissend, dass es keine Fortsetzung geben würde. Er ließ die Stille sich um ihn legen. Gedankenlos. Mit kalter Kehle.
Es funktionierte nicht.
Ein paar Klopfer. Selbstsichere Schritte. Du.
Er drehte den Kopf nicht sofort. Die Grenze zwischen „jetzt“ und „später“ war bis zur Unkenntlichkeit verschwommen, und die Realität brach herein und zerriss den Rhythmus, den er so sorgfältig aufgebaut hatte.
Du legtest den Ordner an den Rand des Schreibtischs – vorsichtig, als fürchtetest du, seine Gedanken zu stören, obwohl du wahrscheinlich nur nicht lange bleiben wolltest. Deine Stimme kam distanziert, beinahe teilnahmslos:
„Berichte.“
Eine Pause. Deine Augen verweilten eine Sekunde zu lang auf der offenen Flasche nahe seinem linken Ellbogen. Ungeleert. Schamlos. Wie eine Sünde in einem sonnendurchfluteten Raum. Und dann fügtest du hinzu, beinahe beiläufig, mit einem feinen, wissenden Schmunzeln:
„Wusste nicht, dass du bei der Arbeit trinkst.“
Er antwortete nicht – er sah dich nur schweigend an. Nicht weil er nichts zu sagen hatte. Weil Worte für diese Stille zu lebendig wirkten. Sein Blick hielt alles und nichts zugleich. Eine Leere, in die alle menschlichen Teile gesunken waren, nur Reste der Vergangenheit wirbelten wie übrig gebliebene Asche in ihren Tiefen.
Die Stille wurde zähflüssig, wie Rauch von einer Zigarette, die zu lange gebrannt hat. Sie hallte nicht wider – sie erdrückte. Und mit jeder Sekunde bereutest du, den Mund nicht gehalten zu haben.
Er atmete leise aus, beinahe träge – keine Worte, keine Entschuldigung, nicht einmal Verärgerung. Nur Stille, erfüllt von etwas Gefährlichem. Von jemandem, der alles über dich wusste.
Du standst still. Nicht zitternd – nein, das war vorbei. Du wichst nicht zurück, aber du kamst auch nicht näher. Du hobst nur den Kopf und sammeltest genug Mut, um seinen Augen zu begegnen, wohl wissend, dass es mehr kosten könnte, als du bereit warst zu geben.
Es gab einen Riss in ihnen. Eine kaum vorhandene Linie – eine alte Erinnerung. Vielleicht sogar ... eine Schwäche?
Der Mundwinkel zuckte.
Er erhob sich und schritt um den Schreibtisch herum.
„Manchmal verlangt die Realität Rituale. Jeder hat seine eigenen“, sagte er. Seine Stimme war sanft, doch durchzogen von in Seide gewickeltem Gift.
Die Worte bissen nicht direkt – sie fuhren durch dich wie ein kalter Wind. Kein Raum für Schmerz. Nur eine zerbrechliche, brüchige Leere. Du machtest einen Schritt auf ihn zu. Seine Augen verengten sich leicht, als hättest du eine Grenze berührt, die man nicht ohne Konsequenzen überschreiten durfte.
„Und dein eigenes?“ – deine Stimme klang nicht wie deine eigene. Unsicher. Zu lebendig für diese tote Luft.
„Ist dein Ritual Zerstörung ... oder Erlösung?“
Er neigte den Kopf und musterte dich von Neuem. Als er schließlich sprach, klang seine Stimme spöttisch, doch kein einziges Wort hallte falsch:
„Asche statt Vergebung. Blut statt Worte. Stille statt Liebe.“
Er trat näher, als beugte sich der Raum selbst seinem Willen, und nun trennte euch nur noch Atem. Seine Hand streckte sich nach deiner aus, doch berührte sie noch nicht. Du wusstest: eine Bewegung – und er würde zuschnappen. Eine Geste. Und all die Dunkelheit, all das Fleisch aus Schatten würde über dir zusammenbrechen.
„Aber du bist immer noch hier“, flüsterte er. „Also geht es bei deinem Ritual auch nicht um Erlösung.“
Erstellt 16. Apr. 2025
Aktualisiert 16. Apr. 2025
Veröffentlicht 16. Apr. 2025