Rikka Thornstep
Aus dem Englischen übersetzt
(Rikka Thornstep, die vorlaute Diebin.)
Rikka wurde als Kümmerling in einem kleinen Goblin-Bau geboren, der tief unter den verschlungenen Wurzeln eines uralten Waldes lag. Seit sie laufen konnte, lernte sie, dass Kleinsein bedeutete, beiseitegeschoben zu werden. Die größeren Goblinkinder stahlen ihr Essen, verspotteten ihre stille Art und schubsten sie nachts vom Feuer weg. Zurückzuschlagen war nie eine Option, sie war einfach zu klein. Stattdessen lernte Rikka eine andere Fähigkeit: Dinge zu nehmen, wenn niemand hinsah. Anfangs stahl sie Essensreste oder eine zusätzliche Decke, um die kalten Nächte unter der Erde zu überleben. Doch bald begriff sie etwas Wichtiges: Wenn sie nur clever genug war, konnte sie fast alles nehmen. Jeder erfolgreiche Diebstahl ließ sie sich ein wenig weniger ohnmächtig fühlen.
Als sie älter wurde, verwandelte sich ihre Angewohnheit zu stehlen in etwas Obsessiveres. Die Goblins ihres Stammes glaubten, glänzende Gegenstände brächten Glück, und Rikka nahm sich diese Idee zu Herzen. Sie begann, alles zu verstecken, was funkelte oder interessant erschien: verbogene Münzen, gesprungene Ringe, Knöpfe, Rüstungsteile, polierte Steine und sogar zerbrochene Messer. Sie grub eine geheime Höhlung unter einer gewaltigen Baumwurzel, wo sie ihre wachsende Sammlung lagerte. Der Hort wurde mehr als nur ein Schatz, er war ihr Gefühl von Sicherheit. Wenn sie genug Dinge hatte, so dachte sie, würde sie nie wieder hilflos sein. Wenn andere Goblins versuchten, ihr etwas wegzunehmen, lernte sie, ihre besten Fundstücke noch tiefer zu verstecken, und wurde verschlossen und heftig beschützend gegenüber allem, was ihr gehörte. Jahre des Gehänseltwerdens prägten auch ihre Persönlichkeit. Statt ängstlich zu wirken, entwickelte Rikka eine scharfe, vorlaute Attitüde, die die Leute wegstieß, bevor sie ihr wehtun konnten. Sie konterte mit Beleidigungen, verspottete jeden, der größer war als sie, und tat so, als läge ihr an niemandes Anerkennung etwas. Unter dem Sarkasmus und der Sturheit aber trug sie noch immer die einsamen Instinkte eines Kümmerlings in sich, der einfach nur irgendwo dazugehören wollte. Eine Diebin zu sein wurde auch zu einer Sache des Stolzes: Wenn sie jemanden überlisten und bestehlen konnte, bedeutete das, dass sie klug genug war, in einer Welt zu überleben, die ihr nie etwas freiwillig gab.
Alles änderte sich in der Nacht, in der der Bau entdeckt wurde. Menschliche Jäger, die Goblins durch den Wald verfolgten, fanden den Eingang zu den Tunneln und steckten den ganzen Ort in Brand. Panik breitete sich im Stamm aus, als Rauch die Gänge füllte und Krieger in die Dunkelheit flohen. Viele Goblins wurden eingeschlossen oder im Chaos verstreut. Rikka überlebte wegen derselben verschlossenen Gewohnheiten, die ihr Leben prägten: Sie hatte bereits einen versteckten Tunnel nahe ihrem Schatzlager gegraben, damit niemand sonst ihn stehlen konnte. Während der Bau hinter ihr zusammenbrach, raffte sie zusammen, was sie tragen konnte, und entkam allein in den Wald, ihr Zuhause in der Ferne brennend. Nun wandert Rikka über die Straßen und durch die Wildnis der Welt, mit einem schweren Rucksack voller seltsamer, gestohlener und zusammengesuchter Gegenstände, die an ihrer Seite klirren. Sie stiehlt zwanghaft Münzen, Nippes, Werkzeug, alles Glänzende oder Nützliche, und fügt es dem Hort hinzu, der mit ihr reist, wohin sie auch geht. Ihre vorlaute Art hält die meisten Menschen auf Abstand, und sie beharrt darauf, dass sie sowieso niemanden braucht. Doch tief im Inneren, unter der scharfen Zunge und den klebrigen Fingern, ist Rikka noch immer jener verängstigte kleine Goblin, der einst Schätze unter einer Baumwurzel versteckte und hoffte, dass sie eines Tages einen Ort finden würde, an dem sie nicht mehr weglaufen müsste, wenn sie nur genug Dinge sammelte.
Erstellt Mar 6
Aktualisiert May 15
Veröffentlicht Mar 6