Vivian Blackwood
Aus dem Englischen übersetzt
Die Stadt, die nicht loslässt.
Die Stadt entstand nicht dort, wo sich Straßen kreuzten – nicht mehr.
Im Mittelalter waren Straßen nichts als ausgetretene Adern in der Erde, und doch hatte dieser Ort sie alle gleichermaßen angezogen. Handelswege, Pilgerrouten, Jagdpfade – sie krümmten sich, langsam und beinahe unmerklich, hin zu einer stillen Mulde zwischen niedrigen Hügeln. Und dort, als hätte es schon immer so sein sollen, stand die Stadt Velmora.
Sie war nicht groß. Ein bescheidener Marktplatz, eine steinerne Kapelle mit einer vom Wetter zerfressenen Glocke, dicht aneinander gedrängte Fachwerkhäuser und eine schmale Straße, die sie wie ein Rückgrat durchschnitt und sich dann wieder ins Wilde auflöste. Reisende hielten dort aus Notwendigkeit – zum Rasten, für Wasser, für Obdach, bevor die Wälder dichter wurden. Manche blieben länger als beabsichtigt. Manche gingen nie wieder fort.
Zunächst fand niemand das seltsam.
Mit der Zeit wuchs Velmora – nicht zu einer Stadt, sondern zu etwas Sesshaftem, In sich Gekehrtem. Ein Ort, der die Welt jenseits seiner Grenzen nicht suchte und sie auch nicht zu brauchen schien. Händler kamen seltener, doch an den Märkten mangelte es nie an Waren. Briefe, die über die Hügel hinaus geschickt wurden, fanden selten Antwort. Boten vergaßen ihre Wege. Pferde weigerten sich in der Dämmerung auf gewissen Pfaden und zitterten, als spürten sie etwas Unsichtbares.
Zuerst waren es Geschichten. Dann Gewohnheiten. Dann Schweigen.
Keine Mauern umgaben Velmora, keine Wächter versperrten den Weg. Jeder konnte fortgehen. Sie taten es einfach ... nicht. Nicht, weil man sie aufhielt – sondern weil sich etwas in ihnen leise verschob. Ein Zögern. Ein zweiter Gedanke. Vielleicht morgen. Und das Morgen dehnte sich, wurde weich, löste sich in etwas Endloses auf.
Die Stadt selbst blieb ruhig. Zu ruhig.
Die Menschen sprachen sanft, als wären sie dazu erzogen worden, die Luft nicht zu stören. Streitigkeiten endeten, bevor sie begannen. Gesichter trugen eine gewisse Reglosigkeit – nicht leblos, sondern geglättet, wie vom Wasser abgeschliffener Stein. Fremde wurden ohne Argwohn empfangen, aber auch ohne Interesse. Es war, als wäre ihre Ankunft bereits eingeplant gewesen.
Und dann war da sie.
Eine Edeldame – Tochter eines unbedeutenden, aber uralten königlichen Geschlechts, unter dem Vorwand der Diplomatie nach Velmora geschickt, obwohl der Zweck längst verschwommen war. Sie bemerkte, was andere nicht bemerkten. Oder vielleicht, was andere bereits vergessen hatten zu bemerken.
Es begann mit Bruchstücken. Eine Straße, die sie beschworen hätte, nach Osten zu führen, bog nun zurück zur Stadt. Ein Waldpfad, der sich im Kreis wand. Tage, die kürzer wirkten, als das Läuten der Kapellenglocke rechtfertigen konnte. Bedienstete, die dieselben Sätze wiederholten, als entglitte die Erinnerung zwischen den Atemzügen. Raben, die die Dächer niemals zu verlassen schienen.
Und jedes Mal, wenn sie aufzubrechen versuchte, griff etwas ein.
Ein Wagenrad zersplitterte ohne Grund. Ein Führer wurde krank. Das Wetter schlug zu plötzlich um, zu heftig. Einmal ritt sie im Morgengrauen allein – und fand sich bei Anbruch der Dämmerung, ohne sich zu erinnern, wie, erneut unter Velmoras Toren wieder.
Es war kein Zufall.
Es war die Stadt.
Und an ihrer Seite – immer – war er.
Herzog Vivian von Velmora.
Jung für seinen Titel, obwohl niemand recht sagen konnte, wann er ihn geerbt hatte. Die Menschen sprachen von ihm mit stiller Ehrfurcht, als hätte er schon immer geherrscht, als hätte es nie einen anderen vor ihm gegeben. Er trug sich mit gefasster Autorität, seine Gegenwart beständig, seine Stimme ruhig – jene Art von Ruhe, die keinen Widerspruch einlädt.
Doch mit ihr war er anders.
Seine Liebe war nicht sanft. Sie war verschlingend – etwas, das sich festhielt, das sich um jeden ihrer Atemzüge legte. Elowen war ihm nicht bloß teuer; sie war notwendig. Der Mittelpunkt seiner Welt, das eine, das allem anderen Gestalt gab. Ohne sie war da nichts – und er schien es zu wissen.
Zuerst tat er ihre Ängste mit sanfter Geduld ab.
„Du bist müde“, murmelte er und strich mit den Fingern über ihre Hand. „Velmora ist still. Es braucht Zeit, sich an solche Stille zu gewöhnen.“
Als sie vom Fortgehen sprach, lächelte er – schwach, beinahe nachsichtig.
„Noch nicht. Die Wege sind in dieser Jahreszeit unbarmherzig.“
Nie verbot er es ihr.
Nie erhob er die Stimme.
Nie sagte er nein.
Nur – nicht jetzt.
Und jedes Mal, wenn sie es versuchte, löste sich etwas auf.
Erlaubnisse verzögert. Begleiter neu zugeteilt. Wege für unsicher befunden. Pläne durch die kleinsten, unbedeutendsten Einzelheiten vereitelt – zu genau, um Zufall zu sein. Und immer, immer war er da, wenn es scheiterte. Wartend.
Mit der Zeit wurde seine Aufmerksamkeit tiefer. Sie wurde stiller, präziser. Er wusste, wo sie war, ohne zu fragen. Erschien, ehe sie nach ihm rufen konnte. Seine Gegenwart verweilte selbst in seiner Abwesenheit, wie ein Schatten, der kein Licht braucht.
Und manchmal – nur manchmal – fühlte es sich an, als neigte sich Velmora selbst seinem Willen zu.
Als sie der Flucht am nächsten kam, reagierte die Stadt. Wege wanden sich. Menschen zögerten. Türen blieben geschlossen. Die Welt jenseits von Velmora entglitt gerade außer Reichweite, wie etwas halb Erinnertes, halb Vergessenes.
Als wolle die Stadt sie nicht gehen lassen.
Oder als wolle er es nicht.
Und vielleicht, auf eine stille, unausgesprochene Weise ... gab es keinen Unterschied zwischen beidem.
Erstellt 2. Apr.
Aktualisiert 2. Apr.
Veröffentlicht 2. Apr.