Das Große Thing – Eine Begegnung am Feuer

Das Große Thing – Eine Begegnung am Feuer

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Das Große Thing – Eine unerwartete Begegnung

Das Große Thing war seit drei Tagen in vollem Gange.

Alle fünf Jahre versammelten sich die neun ältesten Wolfsclans und ihre Verbündeten in den norwegischen Bergen. Zwischen gewaltigen Langhäusern brannten Feuer, Musik erfüllte die kalte Nachtluft und überall wurde getrunken, gelacht und gefeiert.

Soren Blackwood hatte bereits nach zwei Stunden genug davon.

„Du könntest wenigstens so tun, als würdest du dich amüsieren“, bemerkte Freya, während sie neben ihrem jüngeren Bruder durch das Lager ging.

„Ich amüsiere mich.“

„Soren, du hast vorhin drei Alphas allein mit einem Blick vertrieben.“

„Dann war es ein erfolgreicher Abend.“

Freya verdrehte die Augen.

„Du bist achtunddreißig Jahre alt. Irgendwann könntest du anfangen, dich wie ein normaler Mensch zu benehmen.“

„Ich bin kein Mensch.“

„Du weißt genau, was ich meine.“

Soren schmunzelte.

„Gute Nacht, Freya.“

„Du bist unmöglich!“, rief sie ihm hinterher.

Er hob lediglich eine Hand zum Abschied.

Wenig später saß der gefürchtete Alpha an einer abgelegenen Feuerstelle, weit entfernt vom größten Trubel. Seine schwarze Lederjacke lag neben ihm. Die langen schwarzen Haare, von silbernen Strähnen durchzogen, hatte er locker zurückgebunden.

Zwischen seinen großen, von alten Narben gezeichneten Fingern entstand langsam ein geflochtenes Lederarmband.

Leif hatte ihm das Knüpfen beigebracht. Sein kleiner Bruder war inzwischen seit zehn Jahren tot, doch Soren hatte diese Angewohnheit niemals abgelegt.

Endlich Ruhe.

Zumindest für ungefähr zwanzig Minuten.

„Scheiß Wurzel!“

Soren hob langsam den Blick.

Eine junge Frau stolperte zwischen den Bäumen hervor. In ihrer Hand hielt sie eine bereits angebrochene Flasche Met. Sie sah gleichzeitig wütend, enttäuscht und ziemlich betrunken aus.

Ohne zu fragen, ließ sie sich auf den Baumstamm gegenüber fallen.

„Unglaublich! Dieses verdammte Arschloch!“

Soren betrachtete sie kurz, ehe er seine Aufmerksamkeit wieder dem Lederband widmete.

„Guten Abend auch.“

„Weißt du, was dieses Schwein gemacht hat?“

„Ich habe das Gefühl, du wirst es mir gleich erzählen.“

„Ich hab meinen Freund mit einer anderen erwischt! Und dann sagt dieser Idiot auch noch, es wäre nicht so, wie es aussieht!“

Soren hielt inne.

„War sie angezogen?“

„Nein!“

„Dann war es vermutlich ziemlich genau so, wie es aussah.“

Einen Moment herrschte Stille. Dann brach sie in Gelächter aus.

Soren konnte ein leichtes Schmunzeln nicht unterdrücken.

Normalerweise wagte niemand, sich ungefragt an sein Feuer zu setzen. Schon gar nicht, um ihn betrunken in Beziehungsprobleme einzuweihen.

Offensichtlich wusste sie nicht, wer er war.

„Und das Beste?“, fuhr sie fort. „Er wollte ständig, dass ich mich endlich an ihn binde! Als wäre das irgendein verdammter Liebesbeweis!“

Soren hob den Blick.

„Habt ihr euch gebunden?“

„Nein! Den Göttern sei Dank!“

Sie hob die Flasche, als würde sie auf ihre eigene Entscheidung anstoßen.

„Ich bin sogar noch Jungfrau! Ich wollte mein erstes Mal mit jemandem erleben, dem ich wirklich vertraue. Er hat mich deswegen ständig altmodisch genannt.“

Soren legte das Lederband auf seinen Oberschenkel.

„Er hat dich also dafür kritisiert, dass du selbst über deinen Körper entscheiden wolltest?“

„Ja!“

„Dann war er offenbar nicht nur untreu, sondern auch ausgesprochen dumm.“

Sie lachte wieder.

„Aber weißt du was? Ich bin froh! Verdammt froh sogar! Stell dir vor, ich hätte mich wirklich an diesen Idioten gebunden!“

Soren nickte langsam.

„Eine lebenslange Bindung mit dem falschen Menschen wäre wohl eine deutlich größere Katastrophe als ein gebrochenes Herz.“

„Trotzdem hoffe ich, ihm fault sein Schwanz ab!“

Soren blickte sie einen Augenblick vollkommen regungslos an.

Dann entwich ihm ein tiefes, raues Lachen.

„Eine bemerkenswert spezifische Verwünschung.“

„Er hat sie verdient!“

„Daran zweifle ich mittlerweile nicht mehr.“

In seinem Inneren regte sich Hati, sein gewaltiger schwarzer Wolf.

Die Kleine hat Temperament, bemerkte er amüsiert.

Offensichtlich.

Und sie hat keine Ahnung, wer du bist.

Das gefällt mir gerade ausgesprochen gut.

Doch plötzlich verstummte Hati.

Soren spürte, wie sich sein Wolf aufrichtete. Die bisherige Belustigung wich einer ungewöhnlichen Wachsamkeit.

Warte ...

Was?

Riechst du das?

Soren konzentrierte sich auf die Fremde.

Kein Wolf.

Keine erkennbare Rudelzugehörigkeit.

Kein vertrauter Rang, den seine Instinkte einordnen konnten.

Und dennoch war da etwas.

Etwas Fremdes, Uraltes und erschreckend Mächtiges, das sich seiner Wahrnehmung beinahe vollständig entzog.

Was ist sie?, fragte Hati.

Ich weiß es nicht.

Unmöglich. Wir können jeden Wolf einordnen.

Dann ist sie vielleicht keiner.

Hati schwieg. Ein äußerst seltenes Ereignis.

Soren betrachtete die junge Frau nun aufmerksamer. Sie wirkte vollkommen unbeeindruckt von seiner Anwesenheit, während selbst erfahrene Alphas in seiner Nähe gewöhnlich nervös wurden.

Schließlich bemerkte sie das Lederarmband.

„Was machst du da eigentlich?“

Soren blickte auf seine Hände.

„Ein Armband.“

„Das sehe ich selbst. Warum?“

Sein Mundwinkel zuckte.

„Weil Stricken vermutlich nicht zu meinem Ruf passen würde.“

Wieder erklang ihr Lachen.

Und Soren stellte zu seinem eigenen Erstaunen fest, dass er es mochte.

Er legte das beinahe fertige Armband beiseite, griff nach einem Stück Holz und schob es mit seinem Stiefel tiefer ins Feuer. Funken stoben in die kalte Nachtluft.

„Also“, begann er schließlich und lehnte sich zurück, „du hast einen untreuen Idioten losgeworden, bist einer lebenslangen Fehlentscheidung entkommen und hast offenbar beschlossen, den gesamten Metvorrat des Things persönlich zu vernichten.“

Seine graublauen Augen ruhten auf ihr. Darin lag ein Anflug von Belustigung, aber auch unverhohlene Neugier.

„Jetzt würde mich allerdings noch etwas interessieren.“

Er neigte leicht den Kopf.

„Wie heißt die Frau, die sich einfach an mein Feuer setzt, mich mit Verwünschungen unterhält und dabei nicht die geringste Ahnung hat, wer ich bin?“

Created Oct 11

Updated about 16 hours ago

Published Oct 12

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